Was Die Welt Zusammen hält!

Text Marie Kociubski

 

Seit unserer letzten Zusammenarbeit in einer Ausstellung mit Midissage vor Jahren liegt der Fokus des künstlerischen Schaffens hier ganz anders gelagert. Mit den früheren fotografischen Arbeiten, den fotorealistischen Porträt- und Landschaftsaufnahmen, den bearbeiteten Fotoprints auf Leinwand und fotodokumentarischen Reisebildern aus aller Welt bricht das aktuelle künstlerische Schaffen radikal. Nicht jedoch mit dem Anlass und Antrieb dafür - dem Streben nach Wahrnehmung und Erkenntnis dessen was und wie diese unsere Welt sei. 

Neugierig und gespannt habe ich mich den künstlerischen Arbeiten genähert und mich in dieser Frage mit einer herrlich vielseitigen (nach Art der Modernisten auch diversen) Sicht und Sichtweise belohnt gefühlt. Ich lade Sie/Euch ein, sich auf die herrlich bereichernden Arbeiten einzulassen. 

Seit ungefähr zwei Jahren entstanden Malereien, deren Thema scheinbar offensichtlich und einfach ist. Der Kreis im Rahmen des Quadrats oder der rechteckigen Form - Der Kreis als die perfekte Form. 

Die Form des Kreises scheint abgeschlossen – abgegrenzt und gleichzeitig unendlich. Unser Blick wird zentriert. Die Perspektive konzentriert sich auf den einen Punkt und unser Blick wird doch gleichzeitig in die Tiefe, in die Vielschichtigkeit, in die Struktur geleitet. 

Was verbirgt sich in und hinter der Form? – der Kreis, eine Scheibe? eine planetare Welt, Erden – Monde – Planeten – Sonnen? 

Die als World Series benannten, in schlichte „Kreis groß“ und „Kreis“ numerierten Werke verraten keine Präferenz – legen die Interpretation vielmehr in die Augen des Schauenden. 

Unser Blick wird geleitet von der Fläche in die Form, von der Form in Farbe und Muster und Strukturen. Nur durch die Wahrnehmung des Zusammenspiels aller künstlerischen Ebenen erschließt sich das einzelne Kunstwerk. 

Gleichzeitig korrespondieren die einzelnen Werke innerhalb der unabgeschlossenen Serie. Jedes Werk erörtert die Möglichkeit von Erkenntnis in der Frage, wie weit können wir blicken, wie können wir im Äußeren sehen, was diese Welt im Innersten zusammenhält. 

Anfangs entstanden kleinformatige Zeichnungen auf Papier als Ausgangsbasis für vielfarbige und -schichtige Malereien und mittelformatige Malereien in Acryl und teilweise Ölfarbe auf Leinwand mit Dominanz der einfachen klaren Form und Farbflächen. 

In einem Prozess von mehreren Wochen entstehen die Kreise, werden bearbeitet, zum Teil parallel, müssen Trocknen, bekommen neue Schichten, ruhen wieder, werden erneut überarbeitet – bis sich schließlich die Bilder vervollständigt haben. Die Arbeiten wachsen gleichsam nicht nur in der Fläche, sondern auch in den Raum, gewinnen Plastizität und Tiefe. 

Mit der Variation des Themas kristallisierte sich der Kreis als dominantes Gestaltungselement auf der Formebene heraus und es entstanden dutzende vornehmlich kleinformatige Arbeiten, deren Reiz in den farblich unterschiedlichen Schichtungen, durch immer wieder neue Farbaufträge und deren Bearbeitung mit unterschiedlichsten Techniken, vor allem Spachtelungen, aber auch Kratzung, Reibung, Strukturdrucke und Einsatz verschiedenster Malerwerkzeuge, und ihrer Unterschiedlichkeit liegt.  Dabei sind es starke Farben – mit Vorliebe leuchtendes Pink aber auch alle möglichen anderen kraftvollen Farben und kontrastreichen Schattierungen der Farbpalette – lebendige Farben, belebende Farben - eine Vergewisserung des Lebens, des Menschseins. 

Die betonten Grenzen von Innen- und Außen(welt) in den Malereien reiben sich mit dem Erkennen, dass auch im Inneren zahllose Fragmente der Außenwelten auftragen. 

Abstrakt dennoch nicht vollkommen ungegenständlich. Hinter oder in den Farb-Muster-Struktur-Flächen ragen Abbilder realer Lebewesen hervor, wie hier beim „Eingesperrten Elefant“ oder „dem deformierten/ entgrenzten Mensch“. 

Die großformatigen Ölbilder sind stärker von der Arbeit mit dem Pinsel aber auch mit manuellem Farbauftrag zum Teil mit Farbpigmenten, in starken kräftigen leuchtenden Farben geprägt. 

All diese Arbeiten erreichen eine starke Tiefe, die sich im vielfältigen Farbauftrag, im Vielschichtigen sich überlagernder, aus der Tiefe hervorscheinender, immer wieder überarbeiteter Schichten spiegelt und im Kontrast zur Strenge der Form des Kreises ihren Reiz erhalten. 

Besonders interessant wirken darin die Fragmente der Strukturen, Maserungen, Muster. Sind die Strukturen, die Schichten und Ebenen, ihre Überlagerungen, die Übergänge von der Form in die Farbe und umgekehrt das Thema? – 

Für mich liegt die Kraft der Bilder vor allem darin, dass sie versuchen die großen Fragen zu formulieren. 

Es sind Arbeiten der Vergewisserung, der Selbstvergewisserung, des sich Gewahrwerdens, des Gewahrwerdens der Welt und des in der Welt-Seins, die als solche bei aller Unschärfe und allen Untiefen doch immer die eine Welt, der eine Kreis sein darf. 

Und hier schließt sich der Kreis – denn bekommt er eine ihm originäre Bedeutung: der Kreis als heilsame Form. Und wir sehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. 

Kreisen sei auch gebären, heißt es: so sehe ich in den Arbeiten die Geburt einer neuen Künstlerin bzw. einer neuen Ausdrucksform dieser geschätzten Künstlerin. 

Und ich wünsche Ihr, Any Glueck hier in diesem Kosmos der Kunst und Erkenntnis. Und Ihnen viel Vergnügen, Glück, Befriedigung und intensive Begegnung mit diesen Malereien und all den Menschen, die hinter der scheinbar klaren Form, die Tiefen und Untiefen der Möglichkeit von Erkenntnis interessiert. 

 

 

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